Museumsbrief Nr. 25, 2/2016 - "Die Erkundungsschürfe 1992 im Grubengelände von Sieblos/Wasserkuppe"

Von: Prof. Dr. Erlend Martini und Prof. Dr. Peter Rothe
auf 26 Juni 2016

Die Erkundungsschürfe 1992 im Grubengelände von Sieblos/Wasserkuppe

Prof. Dr. Erlend Martini und Prof. Dr. Peter Rothe -  2016

Nach dem in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder aufgelebten Interesse an dem schon seit Hassenkamp (1858) bekannten Fossilreichtum der ehemaligen "Braunkohlen"-Lagerstätte Sieblos an der Wasserkuppe (Martini 1967, Gahl 1968) und den umfangreichen Aufsammlungen aus dem alten Haldenmaterial durch Hugo Schubert seit den achtziger Jahren, erfolgte eine Zusammenfassung des Kenntnisstandes in den "Beiträgen zur Naturkunde in Osthessen" Heft 24 (Martini 1988). Dabei wurde deutlich, dass die Kenntnis der Abfolge unzureichend war: es gab nur  wenige alte Mitteilungen über die Sedimente, die in den Stollen oder Schächten angetroffen worden waren.

Abb 1

Abb. 1: Verkleinerter Lageplan des heutigen Grubengeländes der ehemaligen Zeche Sieblos mit dem alten Stollensystem der Jahre 1895 bis 1919 und den Lagepunkten der Schürfe 1 bis 3 von 1992. Karte erstellt von Martin Schneider, vgl. Martini & Pflug 1997.


So sollte zunächst versucht werden, durch Schürfe im ehemaligen Grubengelände an anstehende Schichten bzw. an das alte Stollensystem heran zu kommen. Hierzu wurden im April 1992 an 3 Stellen im Bereich der alten Stollen Schürfe angelegt (Abb. 1). Dafür stellte die Gemeinde Poppenhausen dankenswerterweise einen Bagger mit dem Baggerführer, Herrn Hubert Storch, zur Verfügung, der die Arbeiten am 8. und 9. April 1992 in vorbildlicher Weise durchführte (Abb. 2).

Abb 2

Abb. 2: Bagger der Gemeinde Poppenhausen am Schurf 1 im alten Grubengelände der Zeche Sieblos im Bereich des "Heinrich-Stollens". Aufnahme 8.4.1992.

 

Die Ergebnisse wurden wie folgt protokolliert:

Schurf 1: am "Heinrichstollen" oberhalb Wasserlauf an erlenbestandener Depression. Mittwoch 8.4.1992. 

Im Schurf wurden verhältnismäßig rasch unter Basaltzersatz bzw.Tuffmaterial verstürzte tertiäre Sedimente angetroffen. Auf ca. 6 m Breite wurden in weniger als 2 m Tiefe "Braunkohle", laminierte Mikrite ("Bänderkalke") und blauer Ton erschürft. Die Lagerung der ± horizontalen Schichtfolge ist kaum primär: die Kalke liegen als Lage von Brocken von jeweils einigen cm ø vor, das Flöz selbst besteht aus ± parallelen ± horizontal geschichteten kleinen plattigen Stücken Blätterkohle, die aber keinen Zusammenhang in Form durchgehender Schichten mehr haben. Im Liegenden folgt im südlichen Teilbereich des Profils >1 m mächtiger, blauer Ton von zäher Beschaffenheit. Im nördlichen Teilbereich bildet das Liegende der "Kohle" intensiv dunkelgrün gefärbter, zersetzter Basalt, aber auch frische Basaltgerölle (Abb. 3).

Abb 3

Abb. 3: Verwürgte kohlige und tonige Sedimente zusammen mit Basaltzersatz im Schurf 1 am "Heinrichstollen“. Aufnahme 8.4.1992. 

 

Da nach allen bisherigen Daten der entsprechende Vulkanismus jünger ist als die "Kohlen" der Sieblos-Schichten, liegt hier eine wohl durch Hangrutschung bzw. Stauchung der Tone bedingte Vermischung von Gesteinen unterschiedlichen Alters vor. Die Verwitterung des Basalts könnte nach der Vermischung erfolgt sein, wobei u. U. aus Pyrit entstandene Schwefelsäure eine Rolle spielt. Es wurde auf die maximal mögliche Tiefe der Baggerschaufel von 3.75 m gegraben. Starker Wasserzulauf, vor allem aus dem Bereich des Flözes bzw. des "Geröllhorizontes" der Kalke, behinderte die Arbeiten, auch die Beprobung. Es musste ein großmaßstäblicher Graben für die Entwässerung ausgehoben werden. Die Hangsituation wird weitere Rutschungen am jetzt offenen Profil bedingen. Rutschungen behinderten bereits von Anfang an die Schurfarbeiten. Nach den alten Grubenplänen sollten hier im Stollen "Mergel" anzutreffen sein.

Schurf 2: am alten "unteren Stollen" unmittelbar östlich unserer Bohrung 4 (Martini & Rothe 1988). Donnerstag 9.4.1992. 

An der Böschung wurde ein insgesamt etwa 4 m tiefer Stichgraben in Breite der Baggerschaufel gezogen. Er traf unter der etwa die halbe Böschungshöhe einnehmenden braunen Erde (alles in allem wohl Basaltzersatz wie im Falle von Schurf 1) wieder das Flöz mit kleinstückigen und kohligen Sedimenten und gelbliche Mergel bzw. Kalke an, die zusammen etwa 40 cm mächtig sind. Im Liegenden folgt zäher, blauer Ton (Abb. 4), der nach der Tiefe zu in verfestigte Tonsteine übergeht; diese sind fleckig, manchmal brekziös und enthalten gelegentlich kohlige Pflanzenreste. Im tiefsten Teil (etwa dem letzten halben Meter, nach "exakter" Berechnung also von 3.25 - 3.75 m bei maximal erreichbarer Baggertiefe von 3.75 m) folgen bläuliche und gelbliche "Schneckenmergel" der alten Terminologie; es handelt sich um äußerst verfestigte, klingharte Kalksteine mit massenhaftem Vorkommen von Gastropodenschalen, die wahrscheinlich noch in aragonitischer Erhaltung vorliegen. Der Bagger förderte Blöcke dieser Karbonate von > 0.5 m Ausdehnung. Es kann aber nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob diese Karbonate das Liegende der Tonsteine bilden oder ob sie eine Lage von in den Ton abgerutschten Blöcken aus einem höheren stratigraphischen Niveau darstellen.

Der Stichgraben brach noch während der weiteren Arbeiten in großem Maßstab ein. Das Profil wurde nach N auf einer Breite von ca. 4 m erweitert, um das Flöz zu verfolgen bzw. um eventuell das hier vermutete Stollenmundloch zu entdecken; das wurde nicht gefunden, aber die ± horizontale Lagerung des Flözes bestätigt. Das erweiterte Profil wurde nur bis auf die obersten Bereiche des blauen Tons gegraben, um in dieser Phase allzu großen Flurschaden zu vermeiden. Dieser oberste Bereich enthält fleckenhaft verteilt feinen gelblichen Sand. Die Tone zeigen in Anschnitten mit dem Messer eine intensive "Verwürgung" bis in den cm-Bereich.

Abb 4

Abb. 4: Mergelige und kohlige Lagen über tonigen Sedimenten ("Blauer Ton von Sieblos") in Schurf 2 am "unteren Stollen". Aufnahme 9.4.1992.

 

Schurf 3: am "unteren Stollen" unmittelbar westlich d. h. unterhalb unserer Bohrung 4 (Martini & Rothe 1988). Donnerstag 9.4.1992

Der Schurf wurde wiederum bis auf maximal mögliche Tiefe durchgeführt. Dabei wurde ausschließlich Abraum-Material gefördert, das einen schichtigen Aufbau und eine im Gegensatz zu den beiden anderen Schürfen sehr lockere Packungsdichte aufweist (Abb. 5). Hellgraue Farben (blaugrauer Ton) wechseln mit dunkleren, in einem Teilbereich überwog rötlichbrauner Basalt-/Tuffzersatz, in dem auch 3 Stücke kohliges Holz (ca. 20 cm lang, ca. 3 cm dick, Grubenholz?) gefunden wurde. Leider konnten in den Schürfen weder sicher das Anstehende noch eindeutige Hinweise auf die alten Stollen gefunden werden. Möglicherweise wurden im Schurf 2 randliche Ablagerungen der "kaolinitischen Verwitterungsrinde“ als Auskleidung der Einsturzform angetroffen. Eine Klärung der Sieblos-Struktur und der stratigraphischen Abfolge konnten daher nur östlich gelegene Bohrungen bringen. Diese wurden in den Jahren 1994, 1998 und 1999 durchgeführt (Martini & Rothe 1998, 2005).

Abb 5

Abb. 5: Arbeiten am Schurf 3 im rötlichbraunen Abraummaterial am "unteren Stollen", kritisch beobachtet von Hugo Schubert. Aufnahme 9.4.1992. 

 


Literatur:

Gahl, H. (1968): Die unteroligozäne Braunkohlenlagerstätte von Sieblos/Rhön. - Notizbl. hess. L.-Amt Bodenforsch. 96: 259-272, 3 Abb.; Wiesbaden.

Hassenkamp, E. (1858): Geognostische Beschreibung der Braunkohlenformation in der Rhön. - Verh. phys. med. Ges. Würzburg 8: 185-211, Taf. 8; Würzburg.

Martini, E. (1967): Die oligozäne Fossilfundstätte Sieblos an der Wasserkuppe. - Natur u. Museum 97(1): 1-8, 11 Abb.; Frankfurt am Main.

Martini, E. (1988, Koord.): Geologie und Paläontologie der oligozänen Ablagerungen von Sieblos an der Wasserkuppe/Rhön. - Beitr. Naturkde. Osthessen 24: 5-203, div. Abb. u. Taf.; Fulda.

Martini, E. & Pflug, B. (1997): Die Fossillagerstätte Sieblos bei Poppenhausen (Wasserkuppe) in der Rhön. Lebensgemeinschaften in einer Ablagerung des Unter-Oligozäns im Landkreis Fulda. – Paläontologische Denkmäler in Hessen 6: 16 S., 13 Abb.; Wiesbaden.

Martini, E. & Rothe, P. (1998, Hg.): Die alttertiäre Fossillagerstätte Sieblos an der Wasserkuppe/Rhön. - Geol. Abh. Hessen 104: 274 S., 41 Abb., 16 Tab., 37 Taf.; Wiesbaden.

Martini, E. & Rothe, P. (2005): Die Fossillagerstätte Sieblos an der Wasserkuppe/Rhön - Neue Daten zur Genese, zum Alter und zur Fossilführung. - Geol. Jb. Hessen 132: 55-68, 9 Abb., 2 Tab.; Wiesbaden.


Dank: Die Verfasser danken Peter Will von den Reiss-Engelhorn-Museen für die druckfertige Reproduktion der Dias.


Verfasser: Prof. Dr. Erlend Martini, Parkstr. 40, 61476 Kronberg

                   Prof. Dr. Peter Rothe, c/o Reiss-Engelhorn-Museen, D5 Museum Weltkulturen, 68159 Mannheim


Copyright von Text und Fotos: Sieblos-Museum Poppenhausen

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