Museumsbrief Nr. 04, Ausgabe 1/1996 Hugo Schubert: "Jetzt mach ich Kohle"

10.01.1996
Von: Prof. Dr. Peter Rothe und Dr. Martin Wittig

Hugo Schubert: "Jetzt  mach ich Kohle"

Prof. Dr. Peter Rothe und Dr. Martin Wittig

Hinter allen Erkenntnissen der Forschung stecken Menschen. So sind nicht nur die wissenschaftlichen Ergebnisse faszinierend, sondern auch die Umstände, unter denen sie gewonnen wurden, sowie die Menschen, die sich mit den jeweiligen Arbeitsgebieten befassten.

Vor allem zwei Namen sind bisher mit der Entdeckung, Bergung und Konservierung etlicher Fossilien aus der ehemaligen „Braunkohlen“ - Grube Sieblos verbunden:
ERNST HASSENCAMP und HUGO SCHUBERT
Ernst Hassencamp entdeckte 1855 in den seit 1846 bekannten „Braunkohlen“ - Vorkommen die bedeutenden Siebloser Fossilien. Leider wissen wir über seine Person nur, daß er Apotheker in Weyhers war. Ansonsten verlieren sich seine Spuren im Dunkel der Vergangenheit.
Bei Herrn Hugo Schubert liegen die Dinge glücklicherweise anders. Gerade bei ihm zeigt sich, daß nicht nur seine Entdeckungen bedeutend sind, sondern, daß er auch selber eine äußerst interessante Persönlichkeit ist. Schon sein Lebenslauf ist ungewöhnlich.

Abb 1
Abb. 1: Hugo Schubert während der Arbeit.
Skizze in Anlehnung an ein Foto von G. JAHN, Wächtersbach



MARTINI und MEJERING gaben 1988 anläßlich seines 75. Geburtstages folgenden Lebenslauf:

Hugo Schubert wurde am 8. Mai 1914 in Hermersdorf, Kreis Mährisch- Schönberg, im Sudetenland geboren. Von 1920 bis 1928 besuchte er die Volksschule in Hermersdorf und die Bürgerschule in Mährisch- Schönberg.

Von 1928 bis 1936 folgte eine Lehr- und Gesellenzeit als Polsterer und Dekorateur in Mährisch- Schönberg. 1936 bis 1938 absolvierte er in Uschhorod seine Dienstzeit beim tschechischen Militär. Nach dem Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich wurde er zur Wehrmacht nach Schweidnitz einberufen und nahm am Frankreich- und Rußlandfeldzug teil. Im April 1945 geriet er bei Königsberg in russische Gefangenschaft.
1941 schloß er die Ehe mit Ingeborg Emma Korber. 1943 wurde der Sohn Wolfhart geboren. 1946 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, 1947 gelang die Zusammenführung mit seiner vertriebenen Familie und die Aufnahme seiner Tätigkeit als Polsterer und Dekorateur in Fulda. Im April 1960 übernahm er die Leitung des DJO- Landheimes (Deutsche Jugend im Osten) und Schullandheims Hessen und Rodholz / Rhön, nachdem er sich schon in den vorangegangenen Jahren der Vertriebenenarbeit gewidmet hatte. Mit der Gründung der Bergwacht- Bereitschaft Poppenhausen / Wasserkuppe im Jahr 1960 übernahm er zusätzlich Arbeiten als Naturschutzwart und Bereitschaftsführer. Von 1966 bis 1977 nahm er intensiv an der Rasterkartierung seltener und geschützter Pflanzen in der Rhön teil, wurde als Orchideenkenner bekannt und führte botanische Exkursionen und Wanderungen durch. Seine Freude an Geselligkeit und das Interesse an Sport und Natur führte ihn zu verschiedenen Vereinen.

Mit Eintritt in den Ruhestand begann er sich für paläontologische Fragestellungen zu interessieren. Zunächst widmete er sich dem Muschelkalk in der Rhön, wechselte aber bald zum Tertiär über, wo sich sein spezielles Interesse auf die ehemalige „Braunkohlen“ - Grube Sieblos konzentrierte. 1980 begann er, die alten Halden von Sieblos systematisch umzugraben und auf Fossilien zu untersuchen. Über 8000 Fundstücke in seiner Sammlung, darunter viele Erstnachweise für Sieblos, geben Zeugnis von seiner nimmermüden und intensiven Tätigkeit.

Hinter diesen, doch eher tabellarischen Daten verbirgt sich alles andere als ein sturer Forscher. Natürlich wären seine Leistungen ohne Sitzfleisch, Beharrlichkeit und Ausdauer nie möglich gewesen. Hugo Schubert ist vor allem ein geselliger und lebensfroher Mensch, der gerne und häufig lacht. Oft sitzt ihm geradezu der Schalk dabei im Nacken. Ihn zeichnet eine ausgesprochene Menschenkenntnis und Lebensweisheit aus. Er liebt seine treue Ehefrau, in zweiter Linie aber auch den Kadarka sowie seine Zigarren. Ausgesprochen ungehalten reagiert er, wenn er vor seinem späten Frühstück gestört wird. Wenig gut zu sprechen ist er auch (Heimleitererfahrung) auf einen bestimmten Typus von Lehrer, der die Schulklasse sich selbst überläßt und auf Journalisten, die nicht zuhören können, alles besser wissen und sich ihre sachlichen Fehler nicht verbessern lassen. Denjenigen aber, die ihm und seiner Arbeit echtes Interesse entgegenbringen, zeigt er sich außergewöhnlich großzügig und hilfsbereit.

Anläßlich der Vorstandssitzung des Sieblos-Museumsvereins Poppenhausen am 28.9.1995 ergab sich die Möglichkeit, Herrn HUGO SCHUBERT während der Nachsitzung im Gasthaus „Zum Stern“ über seine Grabungstätigkeit an den Siebloser Bergbau - Halden zu befragen. Der folgende Text spiegelt die Anfänge wider, denen wir schließlich das heutige Museum verdanken.

Die persönliche Erzählung von Herrn Hugo Schubert:

Meine geologische Sammeltätigkeit war von 1977 – 1980 auf den Muschelkalk ausgerichtet; als mir das Heimtragen größerer Brocken mit Lima lineata von der Eube nach Tränkhof allmählich zu beschwerlich wurde, hatte ich beschlossen: “Jetzt mach´ ich Kohle“ (Dieser Tätigkeit bin ich von 1980 bis 1992 nachgegangen). Auf dem Siebloser Bergbaugelände lag damals eine Halde von etwa 50 x 20 m mit einer Scheitelhöhe von 1,5 m; das entspricht ungefähr dem Inhalt von zwei Baugruben für Einfamilienhäuser! Bei etwa 3% Ausbeute kann man sich den Arbeitsaufwand vorstellen, zumal man wegen des Rhön- Wetters meist nur von April bis September im Gelände arbeiten konnte. Erschwerend kam hinzu, daß die Präparation der im Haldenmaterial gefundenen Fossilien noch am gleichen Abend erfolgen mußte; sie mußten noch im feuchten Zustand präpariert bzw. aufgeklebt werden, weil sich der „Ölschiefer“ / „Dysodil“ wirft wie Holz. So mußte ich manchmal bis Mitternacht in der Garage weiterarbeiten.

Die Siebloser Fossilien sind überwiegend Kleinformen, für die es galt, zunächst eine vorläufige „Lagerhaltung“ zu finden. Dazu dienten mir meine Zigarrenkisten. So läßt sich auch mein entsprechender Konsum mit dem Spruch „Rauchen für die Wissenschaft“ (bei mir heißt das „Hexenverbrennung“) zusammenfassen. Wobei auch hier die Frage auftaucht, ob die Henne eher da war als das Ei!

Ein großes Problem, wie schon gesagt, bildet die Präparation. So hatte ich einmal eine vollständig erhaltene geflügelte Ameise, bei der während des Hochzeitsfluges wirklich „alles dran“ war, mit Mattlack besprüht – danach war „alles weg“. Ein nächster Versuch galt dem Weglösen von Gips (der aus der Umwandlung von Pyrit entsteht und heute weiter das Haldenmaterial bedroht), was ich mit 30%igem Wasserstoffperoxid, dann Chloroform in einer Seifendose aus Aluminium versuchte. Am nächsten Tag war „alles weg“ und es blieb nur eine Gallerte übrig. Auch Chloroform allein, mit dem Pinsel aufgetragen, funktionierte nicht. Danach bin ich dann von diesem rein empirischen Arbeiten abgekommen und habe mir Literatur verschafft, um die Dinge systematisch anzugehen; dabei haben mich zunächst die Herren Aschenbrenner und Martini mit entsprechenden Ablichtungen unterstützt. Durch Prof. Martini erhielt ich dann auch den allmählich unentbehrlichen Kontakt zur internationalen Wissenschaft. Dr. Gaudant von der Pariser Sorbonne war mehrmals zu Besuch. Eine viele Seiten umfassende französische Beschreibung der Siebloser Fische habe ich mir auf eigene Rechnung übersetzen lassen – was nicht ganz billig war, weil ich dazu ein Übersetzungsbüro beauftragt hatte. So hatte ich mir anhand der Schemaskizzen der einzelnen Fische einen Bestimmungsschüssel entwickelt, nach dem ich dann auch vergleichend arbeiten konnte. Ein Problem bildet die Zuordnung von großen Skelettresten der bisher zur Gattung Perca macracantha gerechneten Fische, die Gaudant als eine Altersform von Dapaloides sieblosensis ansah. Ich glaube das nicht und habe ihn jedenfalls mit dem Zweifel geimpft. Er wollte das prüfen. Ich habe aber seit langem nichts mehr von der Geschichte gehört.

 Weil die meisten Fische mit der Skelettsubstanz und nicht als Abdrücke erhalten sind, ergaben sich auch hier Präparationsprobleme. So hatte ich beispielsweise versucht, die erwähnten Gipskristalle mit der Nähnadelspitze abzuheben, dabei aber die Skelettsubstanz gleich mit herausgerissen. Dadurch war einmal ein total vergipstes Riesenexemplar eines Dapaloides von 16 x 8 cm wissenschaftlich wertlos, aber dennoch von hohem ästhetischen Reiz. Das habe ich dann einem von der Kinderlähmung betroffenen Bankdirektor in Frankfurt zum 60. Geburtstag geschenkt. Die Gegenplatte, die sich jetzt im Sieblos – Museum befindet, ist seinerzeit im Rahmen eines Tausches gegen einen muschelkalkzeitlichen Ceratites dorsoplanus aus der Gegend an Christian Aschenbrenner gekommen („Tausche 35 gegen 235 Millionen Jahre !“)

Ich muß hier einmal betonen, wie wichtig mir der Rat von Prof. Martini gewesen ist. Das betraf im Einzelfall z. B. die Zuordnung von Knochenteilen beim Froschskelett. Die hatte ich zwar gefunden, wußte aber nicht, welchem Körperbereich sie entstammten, weil mir, obwohl ich beim Militär gewesen war (!), „die Grundausbildung fehlt“.

So kam im Laufe der Jahre eine stattliche Sammlung mit Tausenden von Fundstücken zustande. Die Wintermonate waren den Inventarlisten bzw. dem Katalog gewidmet, nicht zuletzt um sicherzustellen, daß meine Funde schließlich als Sammlung (in der sich auch andere zurechtfinden können) und nicht als „Ansammlung“ der Nachwelt überliefert werden.


Literatur:

Hugo Schubert 75 Jahre alt. MARTINI, E. & MEIJERING M.P.D. (1988): Beiträge zur Naturkunde in Osthessen, Heft 24, 3-4, Verlag Parzeller & Co., Fulda
Mémoire sur les poissons fossiles des lignites de Sieblos. Winkler, T. C. (1980): Arch. Mus. Teyler 5: 85 - 108, Tel. 3-4; Haarlem


Verfasser: Prof. Dr. Peter Rothe und Dr. Martin Wittig


Copyright: Sieblos- Museum Poppenhausen

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